15.12.2017

Zeitungsschau am Morgen

Netzneutralität: Wer etwas über die nicht einfachen Hintergründe wissen will... hier ist ein nicht kurzer Text dazu.


Geschichte: Michel Gorbatschow war zu gut für diese Welt und wurde über den Tisch gezogen. (Das nehmen ihm seine Landsleute heute noch maximal übel.)
Oh Mann ey, das ist so traurig. Unser Idol... er hat in unseren Augen alles richtig gemacht. Mist.

Danke, liebe Experimentalpädagogen!
Ein Fünftel partielle Analphabeten unter den Zehnjährigen, das ist eine irre Zahl. Ich hatte erwartet, dass ein Aufschrei durchs Land gehen würde. Eigenartigerweise wurde der Befund, der für die Zukunft unseres Landes bedeutsamer ist als jede andere Debatte, eher achselzuckend zur Kenntnis genommen.

Der „Fall Lederer vs. Jebsen": Etikettenkleben und die Debattenunkultur


The Warlock Hunt: Unnötig langer Text, aus dem ich destilliere:
#metoo ist das Gegenteil von Psychotherapie. Oder auch deren Berufskrankheit:

Ich kannte mal eine Psychotherapeutin, der erzählte ich mal eine Geschichte aus meinem Leben (hab vergessen, was genau), so etwas Dusslig- Ärgerlich- Traurig- Amüsantes, was einem eben so passiert, woraus man etwas lernen kann, woran man wachsen kann, was eben im Leben so völlig normal ist. 
Sie schrie auf: "Oh Himmel, du bist ja traumatisiert!" "Ähh, sollte ich das jetzt sein? Quatsch." 
Das gerät in Amerika wohl gerade außer Kontrolle: "Er hat mir vor 20 Jahren mal in den Ausschnitt geschielt. Mir wird tagein, tagaus erklärt, ich müsse mich deswegen jetzt so verletzt fühlen, daß ich ihm nun die Existenz vernichten muß. Ist das noch gesund?" So sinngemäß.

Apropos Therapie: Daß ich es nicht lassen kann, hier zwanghaft in die Tasten zu hauen, ist ja auch nichts anderes. Ich laß es raus, um es los zu werden. Und hoffe insgeheim, es liest keiner. So muß ich im Alltag niemanden vollabern.



P.S.: Noch passend zum letzten Teil - Die Psychologie der Inquisition:

Den Film hab ich nicht gesehen, nur mal kurz reingezappt, ob die Zitate stimmen (ja, tun sie):


Dazu gab es einen Kommentar:
... es gibt bei Arte gerade eine Dokumentation über die seltsamen Vorgänge in Salem/Massachussets, denen im Jahre 1692 eine Menge Menschen (Frauen UND Männer) zum Opfer fielen. Der Film untersucht, wie es zu der Hysterie gekommen ist und welche Abzweigungen man hätte nehmen müssen, um den Unsinn zu verhindern. ...

Ab etwa Minute 26 kann man die Erklärungen, wie es zum Hexenwahn kommt, komplett auf #metoo ummünzen. Man muss nur statt "Hexerei" "sexuelle Übergriffe" einsetzen. Im Film heißt es wörtlich (Einschübe in eckigen Klammern von mir):

1. Alle Vorbehalte sind nun aus dem Weg geräumt, und eine Flut von Anschuldigungen [im Film gehen die von zwei junge Mädchen aus, die immer mehr Menschen beschuldigen, sie irgendwie in Teufels- oder Geistergestalt missbraucht zu haben. Wie in vielen heutigen Fällen können sie nicht mehr zurück, weil sonst das ganze Gebäude zusammenbrechen würde und sie, die Anklagenden, sich damit sozial desavouierten] bricht los, mehr und mehr Menschen werden verhört und eingesperrt.

2. Alle [gemeint sind hier alle Bewohner von Salem] sind zerfressen von Schuldgefühlen. Der einzige Ausweg scheint zu sein, all dies auf jemand anderen zu projizieren: es ist nicht meine, sondern deine Sünden. Das ist ein psychologischer Mechanismus: du weist alle Verantwortung von dir auf andere. Hier kommt die Hexe [das können auch Männer sein, aber die sind laut ARTE keine Opfer, sondern verfallen - wenn überhaupt - nur gerechter Strafe] ins Spiel.

3. Um jemanden der Hexerei zu überführen, gibt es eigentlich nur zwei Arten von Beweisen: Ein direktes Geständnis, oder zwei Augenzeugen, die gesehen haben, wie jemand zauberte. Aber wir alle wissen, dass das [Augenzeugen] nicht möglich ist, und damit ist es auch unmöglich, Augenzeugen zu finden.

4. Doch das Gefühl der Bedrohung [in der Bevölkerung] ist so real, dass man in seinem Wahn auch ungenügenden Beweisen Glauben schenkt. Was in und um die Kolonie gerade geschieht, muss Hexerei sein, und so sind alle bereit, zweifelhafte Indizien als reguläre Beweise für Hexerei anzusehen.

5. Für die Angeklagten geht es jetzt um mehr als ihre Reputation und ihre Stellung: Zeugenaussagen entscheiden jetzt über Leben und Tod.

6. Die meisten Aussagen beruhen auf der so genannten "spectral evidence“ [...], das bedeutet Träume und Visionen gelten als Beweis. Der Zeuge wird bedroht, angegriffen, gequält von einer geisterhaften Erscheinung, die niemand sehen kann außer ihm selbst. So wird der Ankläger zum einzigen Zeugen seiner eigenen Anklage, und er liefert den einzigen verwertbaren Beweis.

7. [was dann passiert, kann man heute in Zusammenhang mit dem #metoo-Quatsch exakt nachlesen: Zulassung sinnfreier Beweise, Umkehrung der Beweislast, Volksbelustigungscharakter der Tribunale, öffentliche Zurschaustellung der Angeklagten und so weiter. Da bleibt einem die Spucke weg, wie genau das den #metoo-Verlauf nach- bzw. vorzeichnet]

Man muss sich immer vergegenwärtigen: in so einer brenzligen Situation geht es nur am Anfang um "schlimme" oder wenigstens "auffällige" Dinge. Kurze Zeit drauf wird ein Hahn, der drei Minuten zu spät kräht, ebenfalls verhext sein - und irgendjemand wird sich schon finden, der ihn verhext hat (siehe Punkt 2) und einen anderen, der ihn auf frischer Tat ertappt hat. Oft auch gerne, weil man gerade beim Kirschenklauen erwischt worden war und eine saugute Ausrede brauchte, die keinerlei Plausibilitätskontrolle mehr zuließ (getreu nach Punkt 2).

Ich finde es in der Sendung bemerkenswert genau beobachtet, was passiert, wenn es um Hexenwahn vor 300 Jahren geht. Wieso guckt ARTE nicht in die Gegenwart, wo versucht wird, mit exakt den gleichen Mechanismen wieder eine Hexenjagd anzuzetteln? Wieso wollen die Medien das nicht merken? Wer verbietet denen, das kühl und logisch zu analysieren und so ad absurdum zu führen - wie es in Salem durch einen Mann geschah, der in Harvard Mathematik studiert hatte und der der "spectral evidence" von vornherein eine Absage erteilte (die Gefahr, ebenfalls als Hexer aufgehängt zu werden - in der sich der Mann zweifellos befand -, wird von ARTE selbstredend nicht thematisiert: dieser Mann ist ein junger, gutaussehender Strahlemann, der da hineinspaziert und für Ordnung sorgt. Supermännerfantasien von Frauen eben)? Wieso zieht niemand diese Gerüchtefabrikantinnen aus dem Verkehr? Wer genau könnte das tun? (x)